Medizin

Lärm

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"Jetzt gibt's was auf die Ohren"

Geschickt dreht Hubert sich unter der Hand des Lehrers weg und entgeht so der ihm zugedachten Ohrfeige. Dafür kriegt dann sein Mitsünder Wilhelm eine verstärkte Wucht, schreit auf und wird vom betroffenen Lehrer zum Arzt gebracht. Der bestimmt dann ein geplatztes Trommelfell mit dem Resultat eines bleibenden Hörschadens durch Verlust der Luftleitung des Schalls in allen Höhenlagen des Hörvermögens. Heute wäre dies undenkbar, doch vor zwanzig Jahren an der Tagesordnung.

Hubert begann später die Ausbildung für den Jagdschein, wo er beim Schießen den starken Mann spielte und achselzuckend auf Hörschutz durch Schaumstoff oder Kapsel-Gehörschutz verzichtete. Nach einem Jahr verirrt er sich in die Oper und kann die hohen Töne nur gedämpft wahrnehmen. Der Ohrenarzt stellt im Hörtest (Audiogramm) dann einen Hörverlust im Hochton-Bereich durch Schädigung der Sinneszellen im Innenohr fest. Typisches Knalltrauma.

Aus dieser Schilderung folgen schon zwei Hauptursachen für mögliche Hörschäden: Verlust der Luftleitung der Schallwellen durch trommelfell-Defekt und Schaden am Innenohr mit frequenzabhängigem Hörverlust.

 

Wie funktioniert das Ohr eigentlich:

Bei Luftleitung erreichen Schallwellen den Ohrkanal und treffen an der Grenze zum Mittelohr auf das Trommelfell, eine dünne Membran. Diese gerät in Schwingungen, die wiederum durch eine Kette von Knöchelchen im Mittelohr verstärkt und übertragen werden auf ein Fenster in der Wand des Innenohrs. Das Innenohr hat die Form einer Schnecke und ist mit Lymphe, einer Körperflüssigkeit gefüllt.

In der Flüssigkeit der Schnecke läuft die Schallwelle dann als Druckwelle mit stärkster Wirkung im entsprechenden Frequenzbereich des Geräuschs durch die Windungen. Die stärkste Wirkung wird in dieser Frequenz immer an der gleichen Stelle wirksam.

Die Schnecke enthält zwei Lagen, die in der Wand mit Sinneszellen ausgekleidet sind. Diese tragen feine Härchen, die frequenzabhängig von der in die Flüssigkeit übertragene Schallwelle erregt werden und so die entsprechenden Sinneszellen stimulieren.

Deren Reiz wird dann vom Hörnerven zum Gehirn geleitet und dort im entsprechenden Areal grauer Gehirnzellen verarbeitet. Ein komplizierter, aber sehr wirkungsvoller Prozeß.

Bei Knochenleitung werden die Schallwellen über den knöchernen Schädel bis zum Innenohr geleitet, kommen also schon rund 35 dB(A) gedämpft an.

 

Die Sinneszellen im Innenohr sind empfindlich und können ab einem Schalldruck von 85 Dezibel (A) geschädigt werden. Dies reicht von einer vorübergehenden Vertäubung bis zu einem bleibenden Schaden.

Es besteht eine Veranlagung zur Ausbildung von Gehörschäden, allerdings kann man gefährdete Personen nicht erkennen, daher sollte jeder bei Lärmeinwirkung Gehörschutz tragen.

Auch in der Jugend durchgemachte Mittelohr-Entzündungen scheinen ein Risikofaktor zur Entwicklung von Gehörschäden und Tinnitus (Ohrrauschen) zu sein, wie man bei französischen Rekruten fand. Hier wiesen alle diejenigen die stärksten Schäden auf, die als Kinder eine Mittelohr-Entzündung hatten und sich eine Stunde täglich mit ihrem Walkman beschallten.

 

Die Schallintensität eines Tons wird abgeleitet von einem Bezugsschalldruck bei einer Frequenz von 1.000 Hertz und der menschlichen Hörschwelle von 20 mikroPascal. Das wäre ein Dezibel - dB, während die Schmerzschwelle mit 130 dB definiert wird. Nun wird die Sache noch komplizierter, da die Schalldruckkurve erstens logarithmisch und zweitens nach der A-Kurve angegeben wird, um die Reaktion des Ohres auf verschiedene Geräusche und Frequenzen zu simulieren. Hierbei werden Geräusche mit schwankenden Pegeln oder Intervallen als gleichgewichtig beurteilt wie Dauergeräusche mit gleicher Schallenergie.

Nach den logarithmischen Regeln bewirkt dabei eine Zunahme um 3 dB(A) eine Verdoppelung der Einwirkungszeit.

Im Empfinden, also subjektiv, entspricht eine Zunahme um 10 dB(A) etwa einer Verdoppelung der empfundenen Lautstärke.

Beim leisen Flüstern liegt ein Wert von rund 20 dB(A), bei einem normalen Gespräch von rund 60 dB(A), bei einer Handkreissäge von 100 dB(A) und im Kindergarten bis 120 dB(A) vor.

 

Altersabhängig kommt es häufig zu einem Nachlassen des Hörvermögens, das dann von Hörschädigungen durch Lärm unterschieden werden muß. Erstaunlich ist, daß lärmbedingte Schäden des Innenohrs sich unabhängig vom Frequenzspektrums des schädigenden Geräuschs überwiegend in einer Senkung der Hörschwelle im Hochtonbereich von 4.000 bis 5.000 Hertz auswirken.

 

Auch Chemikalien wie Lösungsmittel und Metalle ( Toluol, Trichloräthylen, Kohlenmonoxid bei Rauchern und Blei) erhöhen das Risiko für Hörschäden bis zum elffachen.

 

Beim Schuß gibt es einen Impulsknall mit hohen Werten, der sich bei Wiederholung stark schädigend auf die empfindlichen Haarzellen des Innenohrs auswirkt. Der Schalldruck steigt mit der Rasanz und Stärke des Kalibers an, so liegen .375 H& H Magnum um 120 dB(A) und .460 Weatherby Magnum um 160 db(A).

Eine größere Studie bei Bundeswehr-Soldaten ergab eine überwiegende Zahl von Hörschäden auf dem linken Ohr. Dies wurde auf verringerten Schalldruck durch den Schußknall zurückgeführt, da das rechte Ohr durch Auflage oder durch den Schaft geschützt wird.

Besonders führen Mündungsbremsen mit kleinen Austrittsöffnungen zu einer Erhöhung des Schalldrucks, hier konnte ich bei dem Kaliber .375 H& H Magnum Unterschiede von 5 dB(A) bei verschiedenen Modellen messen.

Man muß daher in jedem Fall sehr aufpassen, daß bei der Schußabgabe niemand seitlich oder schräg vor der Mündung vom Schußknall direkt erwischt wird. Sollte es die jagdliche Situation zulassen, ist man immer gut beraten, in der Brusttasche Schaumstoff-Stöpsel mitzuführen und die vor dem Schuß in den Ohrkanal zu stecken. Auf dem Schießstand verweilen nur Dummköpfe ohne Gehörschutz. Es sei denn, man will die bessere Hälfte und andere Geräuschquellen nie mehr laut vernehmen.

In einer finnischen Studie wurde der Schalldruck durch das .308 Sturmgewehr mit der dB(C) Methode außerhalb und nach Gehörschutz-Kapseln im Ohrkanal des linken Ohrs gemessen. Dabei ergaben sich Werte von 156 dB(C) am Ohreingang und 135 dB(C) im Ohrkanal.

Eine französische Studie mit 250 Hörgeschädigten durch den Gebrauch von Sturmgewehren fand Tinnitus (Ohrrauschen) und Hörschäden bei 6.000 Hertz. Hierbei ergab sich, daß schnelle Behandlung mit Steigerung des Blutdurchflusses in der Schnecke innerhalb von 48 Stunden in 80 Prozent der Fälle Besserung brachte,

 

Bei einer amerikanischen Untersuchung an Eisenbahnern wurden 68 Paare von Untersuchten gebildet, wobei sich herausstellte, daß die im vergangenen Jahr Schußknall ausgesetzten Personen im Mittel einen Hörverlust von 9 bis 16 dB in den Frequenzen von 3000, 4000, und 6000 Hz aufwiesen. Dies entspricht einer Auswirkung von 89 dB über 20 Jahre am Arbeitsplatz.

 

Diese Arbeiten beweisen den Wert des Gehörschutzes, wobei es wenig Unterschied in der Wirkung von Kapsel-Gehörschutz und Schaumstoff-Stöpseln gibt. So fand eine britische Studie bei zwei Geschützmannschaften von L118/9 195 mm Howitzer (Hamel gun) Kanonen, die lediglich 7 Meter auseinanderstanden, nach jeweils 40 Schüssen an zwei Tagen keinerlei Einschränkung des Hörvermögens der EAR Schaumstoff-Stöpsel tragenden Mannschaften.

Bei einem Frequenzbereich von 4.000 Hertz bewirken sowohl Kapsel-Gehörschutz als auch Schaumstoff-Stöpsel eine Verringerung des Schalldrucks um rund 40 dB(A), also dementsprechende Absenkung der am Innenohr einwirkenden Schädigung.

Dauernde Lärmeinwirkung soll übrigens ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung von Herzinfarkten sein.

RvM 16.06.99

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