Gesamtiste Ausrüstung '00

Tarnkleidung und Sehvermögen bei Wildtieren

 
Tarnung?

Vor kurzem geriet ich in eine Jungjäger-Ausbildung. Vor der Tür des Lokals zeigte ein angehender Jäger stolz dem anderen einen, selbstgebauten Boden-Sitz. Ein mit allen Schikanen versehenes, auf geräuschlosen Kugellagern drehbares und sogar mit Handbremse arretierbares Hi-Tec Gerät stand im Lieferwagen und hätte sogar General Maginot vor Neid erblassen lassen. Der Erbauer war sicher ein Feinmechaniker. Als ich den Adepten den Hinweis gab, da fehle aber ein Gestänge, um das Tarn-Netz anzubringen und so erst den Boden-Sitz wirkungsvoll zu machen, starrte man mich stirnrunzelnd und offensichtlich verständnislos an.
Diese angehenden Jünger Huberti setzen voll auf Geräuschlosigkeit und denken nicht im Traum an das extrem ausgeprägte Sehvermögen des Wildes. Da kann der Sitz noch so gut gebaut sein, der Erfolg wird erst durch gezielte Tarnung dramatisch ansteigen.
Soeben berichtet mir ein Jäger, den ich durch gezielte Beratung aufgerüstet habe, daß die Rehe nun auf fünf Meter an ihm vorbeilaufen würden. Im letzten Jahr gelang es mir, einem alten Bock beizukommen, der seinen Einstand in einem völlig unzugänglichen Hang, ohne Deckung bietende Ansitzmöglichkeit, hatte. Die einzige Möglichkeit war, auf einem Wanderweg an einem Sumpf entlang völlig deckungslos heranzukommen. Also stellte ich dort kurz entschlossen einen Dreibein-Sitzstuhl vor eine dicht bis auf den Boden beastete Tanne und verhüllte mich buchstäblich von Kopf bis Fuß mit Tarnkleidung.
Eine halbe Stunde später wechselte die Ricke aus dem urwaldartigen Unterwuchs und äste vertraut auf 20 Meter an mir vorbei, der Bock folgte zehn Minuten später 100 Meter hinter ihr - Sein Pech, aber er vernahm den Schuß nicht mehr.

Worauf kommt es an ? Bitte denken Sie an Ihre ersten jagdlichen Ausflüge zurück. Meistens saß man mit Vater oder Onkel auf einem Hochsitz, starrte angestrengt in einen großen Schlag und versuchte verzweifelt, das Stück auszumachen, das vom immer ungeduldiger werdenden Lehrherrn beschrieben wurde. Der jagdlich Erfahrene ist auf Silhouetten gedrillt und erblickt das typische dreieckige Haupt mit nach vorn gerichteten, aufgestellten Lauschern des verdeckt stehenden sichernden Rehs sofort. Für den Anfänger verschwimmt dies Dreieck aber infolge der abwechslungsreichen Färbung mit der Umgebung.
Wild äugt um ein Vielfaches schärfer als der Mensch, da es zum Überleben alle Sinne einsetzen muß. Nur die Fähigen kommen durch und vererben sich.
Beim Gesichtssinn wirken verräterisch und typisch für den Feind Mensch die lange pfahlartige Erscheinung und der runde, helle Kopf. Nicht nur die Silhouette, sondern auch die blinkende Bewegung der Hände oder des leuchtenden Gesichts hat Signalwirkung - Signal zur umgehenden oder sofortigen Flucht!

Die naturwissenschaftlichen Vorgänge beim Sehen sind kompliziert, aber vereinfacht dargestellt reflektiert jedes Objekt Strahlen des Sonnenlichts in unterschiedlicher Wellenlänge, die als Farben erkannt werden. Im Regenbogen werden die Spektralfarben des weißen Sonnenlichts durch Brechung an den Wassertropfen des Regens aufgespreizt und durchlaufen in zunehmender Wellenlänge von violett an der Innenseite über blau, grün, gelb, braun bis rot zum Außenbogen.
Die ins Auge einfallenden Strahlen werden dort auf der Hornhaut gebrochen und punktförmig in einem Bereich des schärfsten Sehens auf der Netzhaut am Ende des Augapfels abgebildet.
Sie erregen Sinneszellen, die Impulse über den Sehnerven ans Gehirn weitergeben. Dort wird das Impuls-Puzzle zu einem Bild zusammengesetzt. Sehzellen der Tiere und der Menschen unterscheiden sich deutlich in ihrer Struktur der. Beim Schalenwild, sowie bei Hunde- und Katzenartigen bestehen
die Sehzellen im Netzhaut-Bereich des schärfsten Sehens zu 90 Prozent aus Schwarz-Weiß meldenden Stäbchenzellen, beim Menschen zu fast 100 Prozent aus Rot, Grün oder Blau signalisierenden Zapfenzellen. Das Farbensehen ist beim Wild durch eine andere Zusammensetzung und einen anderen Aufbau der Zapfenzellen eingeschränkt. Man kann es am ehesten vergleichen mit einem Menschen, der an Rot-Grün Blindheit leidet.
Dieser Mensch kann die Rotphase an Ampeln nicht sehen, die Grünphase aber meist noch erkennen. Bei schlechten Lichtverhältnissen mit Blendung bleibt er unschlüssig an der Kreuzung stehen: Ist die Ampel an und auf Rot? Wird die obere Ampelscheibe heller?
Die beim Wild in 90 Prozent auf der Netzhaut vorkommenden Schwarz-Weiß registrierenden Stäbchenzellen haben ihr Maximum an Empfindlichkeit im Wellenbereich von 500 nm, dem Farbübergang von Blau zu Grün. Das dunkle Jägergrün fällt also in die maximale Sehempfindlichkeit, wird allerdings nur als dunkel wahrgenommen - so wie dem Menschen nachts ein rotes Auto als
dunkel in der Umgebung verschwimmt.
Somit sieht Schalenwild den Grünbereich sehr gut, während es Gelb, Erdfarben und besonders Rot nur noch als schwache Schwarz-Weiß-Schattierungen registriert. Unauffällige Kleidung sollte also in Erdfarben - oder ketzerisch in Knallrot gefärbt sein.
Im Bereich des Ultraviolett kann Wild noch Licht in Wellenlängen unter 400 Nanometern wahrnehmen, die beim Mensch durch die Linse im vorderen Teil des Augapfels blockiert wird. Menschen sind so von Schädigungen der Netzhaut bei intensiver Sonneneinstrahlung geschützt. Wild ist nicht so langlebig, diese Schäden können sich nicht entwickeln, außerdem ist es überwiegend
dämmerungsaktiv. Die vermehrte Lichtaufnahme bedingt allerdings geringere Scharfabbildung, feine Linien sind verwaschen. Daher reagiert Wild besonders stark auf Bewegung, es differenziert hierüber die Wahrnehmungen.
Lediglich bei Ziegenartigen vermutet man durch ihre leicht unregelmäßig gekrümmte Hornhautoberfläche ein besseres Farbensehen. Die Krümmung dürfte wie beim Regenbogen ein ungleichmäßiges Brechen der Lichtstrahlen bewirken und damit eine stärkere Empfindlichkeit, auch ein bis zu vierfach vergrößerndes Sehvermögen.

Verschärfend wirkt sich aus, daß Schalenwild eine sehr viel weitere Pupille hat, die mehr Lichteinfall ermöglicht und unter der Netzhaut eine reflektierende Schicht, das sogenannte tapetum lucidum, einfallendes Licht verstärkt. Somit kann Wild noch im allerletzten Büchsenlicht hervorragend
Feinde wahrnehmen.
Jeder hat es schon einmal im Scheinwerferlicht bemerkt, oft wirkt diese blau reflektierende Schicht als einzige Warnung vor am Wegesrand sichernden Schalenwild. Man spricht bei Fahrrad-Reflektoren auch vom "Katzenauge". Beim Menschen bewirkt Blitzlicht auf dem Foto lediglich eine punktförmige rote Pupille als Zeichen eines schwachen Reflexes. Bei neuen Kameras mit Vorblitz
verengt sie sich, man sieht kein "Rotes Auge" auf dem Bild mehr.
Das Tier kann die Pupille dreimal so weit wie der Mensch öffnen, was neunfachen Lichteinfall bedeutet. Die relative Größe der Pupille zum Auge wirkt sich auch aus; große Augäpfel ergeben ein gutes Auflösungsvermögen für Feinheiten.

Dies sind Erkenntnisse, die von der Jagdzeitung "Deer and Deer Hunting" durch Messung der Hirnströme bei Hirschen bestätigt wurden. Rote Lichtblitze erzeugten keine Änderung der Hirnströme, grüne sehr wohl!
Vögel haben offensichtlich ein anderes Farbensehen und können Rot wahrnehmen, wie Statistiken über den Jagderfolg bei wilden Truthähnen mit und ohne signalrote Kleidung der Jäger ergaben.

Erfahrene Jäger in wenig Deckung bietenden Ländern, wie Schottland, haben schon seit jeher erkannt, daß eine durchgehende dunkelgrüne Kleidung verräterisch ist und Wild alarmiert.
Schotten tragen fein- oder grobkariertes Tweed in Erdfarben. Dies lockert die menschliche Silhouette auf und läßt sie im Idealfall mit der umgebenden Landschaft verschmelzen. Erdfarben werden vom Wild kaum wahrgenommen. In der Kriegführung werden Tarnmuster erst seit Mitte des Zweiten Weltkrieges eingesetzt, heute gibt es keine kriegführende Armee ohne Camouflage.
Für Jäger sind allerdings Tarnmuster, die auf den spezifischen Hintergrund der bejagten Region oder der jeweiligen Jahreszeit abgestimmt sind noch wesentlich wirksamer.
Der Siegeszug des zivilen Tarnmusters, das dem Wild und nicht dem Soldaten den Menschen verbergen soll, begann erst Ende der Siebziger Jahre in den USA. Pionier ist Jim Crumley, der eine typisch amerikanische Erfolgstory liefert.
Er war Lehrer an einer Management Schule in Virginia und verschönerte seine Jagdkleidung mit dunklen Flecken Baumwollfarbe und Linien aus dem Markierstift, die Baumrinde nachbilden sollten.
Andere Jäger fanden das famos und wollten auch solche Kleidung. Besonders die Bogenjäger, die dicht an Wild herankommen müssen, drängten und der Stein kam ins Rollen. Crumley nahm eine Hypothek auf sein Häuschen auf, suchte einen Stoff-Lieferanten, der sein Muster in geringen Mengen drucken konnte und fand schließlich einen Fabrikanten, der eine Rolle mit 4.500 Meter zu 3
Dollar pro Meter herstellte. Nun beauftragte er eine Lohnschneiderei mit der Herstellung von 1.000 Jacken und 1.000 Hosen, nannte das Muster "Trebark" - verballhornt Baumrinde - und annoncierte im Magazin der Bogenjäger im Juli 1980 erstmals speziell auf Wild abgestimmte Jagdkleidung in zivilem Tarnmuster. Schon im Herbst war die gesamte Kollektion verkauft und das unternehmerische Abenteuer glänzend bestanden. Im folgenden Jahr quittierte Crumley den Schuldienst und machte sich im Juni 1981 selbständig. Auf der Shot Show 1982 akquirierte er Aufträge in den gesamten Vereinigten Staaten und lieferte 1983 einen Großauftrag von 2.400 Stück Tarnkleidung an den
größten Versender. "Trebark" war als Markenzeichen etabliert. Bis 1985 war Crumley der einzige Hersteller von Tarnkleidung, dann vergab er Lizenzen und 1989 umfaßte sein Katalog 400 "Trebark" Artikel, er besaß ein 900 Quadratmeter großes Verkaufsgeschäft und eine lange Lohnliste. Doch nun
waren ihm auch viele Nachahmer auf den Fersen, aus denen ihm allerdings nur zwei ernsthafte Konkurrenten erwuchsen. Toxey Haas und Bill Jordan.
Als die Mega-Verkaufhausketten K-Mart und Wal-Mart an Crumley herantraten, um Trebark exklusiv zu vermarkten, wählte er K-Mart - eine unternehmerische Fehlentscheidung - und Bill Jordan Wal-Mart. Wal-Mart war der bessere Anbieter, was mit den Siegeszug von Bill Jordan bewirkte.
Bill Jordan war ein lokaler Fußballstar, der nach dem College-Abschluß in die elterliche Boots-Firma eintrat und 1982 als Nebenerwerb ein kleines Geschäft für jagdliches Zubehör mit dem Namen Spartan gründete, das Handschuhe, Hüte und T-Shirts produzierte. Als er 1985 auf der SHOT-Show Crumleys Muster "Trebark" sah, inspirierte ihn das zum Muster "Realtree", das er 1986 dort vorstellte. Ähnliche Muster wurden von weiteren 80 neuen Anbietern auf der Shot Show vorgestellt, aber Jordan setzte sich durch.
Nun trennten sich die Wege, Crumley kämpfte mit den Schwierigkeiten der Eigenproduktion, während Jordan den einfacheren Weg der Lizenzvergabe wählte. Seine Firma Spartan produziert nach wie vor Tarnkleidung, aber inzwischen hat er mit dem 1995 eingeführten "Advantage" einen Volltreffer gelandet und beherrscht mit nur 24 Angestellten und über 500 Lizenznehmern
den Markt. "Advantage" ist ein Muster, das mit braun-gelb, wenig grün, Zweigen und Ahornlaub vor herbstlichem Hintergrund Konturen bestens auflöst.
Der dritte Erlkönig ist Toxey Haas aus West Point, Mississippi, der seit 1987 mit einem Tarnmuster namens "Mossy Oak" zu 80 Prozent direkt herstellt und eine Firma mit über 70 Angestellten aufgebaut hat. "Mossy Oak" war ursprünglich nur ein dunkles Muster wie bemooste Eichenrinde, inzwischen gibt es aber Variationen für fast alle Situationen.
In den USA sind Tarnmuster zu dem geworden, was Jagdliches Grün bei uns ist - ein durchgehender Stil prägt alles Jagdzubehör. Welchen Sinn hat eine kleine Gürteltasche oder eine Taschenlampe in Tarnfarbe? Das ist zwar eher hinderlich, wenn man sie verliert oder im Rucksack sucht, aber sie verkaufen sich wie heiße Semmeln! Ein Video von Bill Jordan über den Effekt von Camouflage wurde in der Wal-Mart Kette im ersten Jahr 200.000 mal verlangt! Inzwischen zeigt sich daß der überwältigende Siegeszug und Markterfolg des "Advantage" Musters besonders auf seiner ansprechenden Wirkung auf den Käufer beruht. Schon treten die ersten mutigen Damen damit auf - ohne im entferntesten daran zu denken, auf die Jagd zu gehen, jedenfalls nicht auf vierbeiniges Wild.
Natürlich kann ein Tarnmuster auf dem Markt nicht bestehen, wenn es nicht auch in der Natur wirkt. Aber es ist wie bei der Wahl von Speisen an der Selbstbedienungs-Theke: Das Auge ißt mit!
"Mirage", ein Netzwerk von dicken Ästen konnte sich auf Dauer leider nicht behaupten. "ASAT", ein frappierend hellgelblicher Untergrund mit grobem, weit auseinander stehendem braunschwarzem Netz, das in trockenen Gegenden ganz hervorragend tarnt, hält bei Bergjägern noch wacker mit.
Entscheidend bei der Wahl des Tarnmusters sind immer die örtlichen Bedingungen, nur dadurch könne die Nischen-Anbieter noch überleben.

Einige Länder im südlichen Afrika verbieten Tarnkleidung bei der Jagd. Das bezieht sich aber eher auf militärisches Tarn, modische Camouflage wird im Feld toleriert. Sambia hat schon seit Jahren diese Restriktion völlig fallen gelassen.
Auch in Deutschland gibt es immer mehr Jäger, die Camouflage gezielt einsetzen, wie die zunehmende Zahl der Messestände und das Interesse und die Kaufentscheidung der Besucher zeigen. Auch im Inserate-Teil nimmt das Angebot zu.
Zum Schluß noch ein weiteres prägendes Beispiel. Ich war im letzten Herbst in Colorado auf Maultierhirsch eingeladen und wurde auf der großen Ranch allein zu einem Felskegel geschickt. Dort sollte ich mich postieren und aus der Prärie rückwechselndes Wild abpassen. In Colorado ist es Vorschrift, eine Weste in Signalrot "Hunter´s Orange" und eine grellrote Kappe zu
tragen. Die hatte ich über meiner Fleecekleidung in braunem "Mirage"-Tarn an und fühlte mich als wandelndes Warnzeichen sehr unwohl in meiner Haut. Auf dem flachen Felsen robbte ich vorsichtig nach vorn und fand als besten Platz eine Spalte, in die ich mich langsam gleiten ließ. Trotzdem muß ich ein Geräusch verursacht haben, denn sofort trat ein hochkapitaler Hirsch 100 Meter unter mir aus dem Sichtschatten einer Ponderosa Kiefer und äugte alarmiert zu mir hoch. Die Hand erstarrte in der Bewegung, das Fernglas schwebte in der Luft; ich versteinerte. Kein Gedanke, das Gewehr zu heben, der Hirsch wäre sofort in Deckung gewesen. Das Gesicht war mit einer Haube aus tarnbedruckter Baumwolle und die Hände mit tarnfarbigen Handschuhen verdeckt - ABER dieses Rot vor braunem Felsengrund!
Es kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor, aber nachdem er mich fünf Minuten ununterbrochen fixiert hatte, äugte der Hirsch nach rechts und nach links.
Dann drehte er den Träger und äugte ins Tal, nun konnte ich mich endlich bewegen.
Dieses Erlebnis hat mich vollends überzeugt, wie wichtig Tarnung ist.

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