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Tarnkleidung
und Sehvermögen bei Wildtieren
Tarnung?
Vor kurzem geriet ich in eine Jungjäger-Ausbildung. Vor der
Tür des Lokals zeigte ein angehender Jäger stolz dem
anderen einen, selbstgebauten Boden-Sitz. Ein mit allen Schikanen
versehenes, auf geräuschlosen Kugellagern drehbares und sogar
mit Handbremse arretierbares Hi-Tec Gerät stand im Lieferwagen
und hätte sogar General Maginot vor Neid erblassen lassen. Der
Erbauer war sicher ein Feinmechaniker. Als ich den Adepten den
Hinweis gab, da fehle aber ein Gestänge, um das Tarn-Netz
anzubringen und so erst den Boden-Sitz wirkungsvoll zu machen,
starrte man mich stirnrunzelnd und offensichtlich verständnislos an.
Diese angehenden Jünger Huberti setzen voll auf
Geräuschlosigkeit und denken nicht im Traum an das extrem
ausgeprägte Sehvermögen des Wildes. Da kann der Sitz noch
so gut gebaut sein, der Erfolg wird erst durch gezielte Tarnung
dramatisch ansteigen.
Soeben berichtet mir ein Jäger, den ich durch gezielte Beratung
aufgerüstet habe, daß die Rehe nun auf fünf Meter an
ihm vorbeilaufen würden. Im letzten Jahr gelang es mir, einem
alten Bock beizukommen, der seinen Einstand in einem völlig
unzugänglichen Hang, ohne Deckung bietende
Ansitzmöglichkeit, hatte. Die einzige Möglichkeit war, auf
einem Wanderweg an einem Sumpf entlang völlig deckungslos
heranzukommen. Also stellte ich dort kurz entschlossen einen Dreibein-Sitzstuhl
vor eine dicht bis auf den Boden beastete Tanne und verhüllte
mich buchstäblich von Kopf bis Fuß mit Tarnkleidung.
Eine halbe Stunde später wechselte die Ricke aus dem
urwaldartigen Unterwuchs und äste vertraut auf 20 Meter an mir
vorbei, der Bock folgte zehn Minuten später 100 Meter hinter ihr
- Sein Pech, aber er vernahm den Schuß nicht mehr.
Worauf kommt es an ? Bitte denken Sie an Ihre ersten jagdlichen
Ausflüge zurück. Meistens saß man mit Vater oder
Onkel auf einem Hochsitz, starrte angestrengt in einen großen
Schlag und versuchte verzweifelt, das Stück auszumachen, das vom
immer ungeduldiger werdenden Lehrherrn beschrieben wurde. Der
jagdlich Erfahrene ist auf Silhouetten gedrillt und erblickt das
typische dreieckige Haupt mit nach vorn gerichteten, aufgestellten
Lauschern des verdeckt stehenden sichernden Rehs sofort. Für den
Anfänger verschwimmt dies Dreieck aber infolge der
abwechslungsreichen Färbung mit der Umgebung.
Wild äugt um ein Vielfaches schärfer als der Mensch, da es
zum Überleben alle Sinne einsetzen muß. Nur die
Fähigen kommen durch und vererben sich.
Beim Gesichtssinn wirken verräterisch und typisch für den
Feind Mensch die lange pfahlartige Erscheinung und der runde, helle
Kopf. Nicht nur die Silhouette, sondern auch die blinkende Bewegung
der Hände oder des leuchtenden Gesichts hat Signalwirkung -
Signal zur umgehenden oder sofortigen Flucht!
Die naturwissenschaftlichen Vorgänge beim Sehen sind
kompliziert, aber vereinfacht dargestellt reflektiert jedes Objekt
Strahlen des Sonnenlichts in unterschiedlicher Wellenlänge, die
als Farben erkannt werden. Im Regenbogen werden die Spektralfarben
des weißen Sonnenlichts durch Brechung an den Wassertropfen des
Regens aufgespreizt und durchlaufen in zunehmender Wellenlänge
von violett an der Innenseite über blau, grün, gelb, braun
bis rot zum Außenbogen.
Die ins Auge einfallenden Strahlen werden dort auf der Hornhaut
gebrochen und punktförmig in einem Bereich des schärfsten
Sehens auf der Netzhaut am Ende des Augapfels abgebildet.
Sie erregen Sinneszellen, die Impulse über den Sehnerven ans
Gehirn weitergeben. Dort wird das Impuls-Puzzle zu einem Bild
zusammengesetzt. Sehzellen der Tiere und der Menschen unterscheiden
sich deutlich in ihrer Struktur der. Beim Schalenwild, sowie bei
Hunde- und Katzenartigen bestehen
die Sehzellen im Netzhaut-Bereich des schärfsten Sehens zu 90
Prozent aus Schwarz-Weiß meldenden Stäbchenzellen, beim
Menschen zu fast 100 Prozent aus Rot, Grün oder Blau
signalisierenden Zapfenzellen. Das Farbensehen ist beim Wild durch
eine andere Zusammensetzung und einen anderen Aufbau der Zapfenzellen
eingeschränkt. Man kann es am ehesten vergleichen mit einem
Menschen, der an Rot-Grün Blindheit leidet.
Dieser Mensch kann die Rotphase an Ampeln nicht sehen, die
Grünphase aber meist noch erkennen. Bei schlechten
Lichtverhältnissen mit Blendung bleibt er unschlüssig an
der Kreuzung stehen: Ist die Ampel an und auf Rot? Wird die obere
Ampelscheibe heller?
Die beim Wild in 90 Prozent auf der Netzhaut vorkommenden
Schwarz-Weiß registrierenden Stäbchenzellen haben ihr
Maximum an Empfindlichkeit im Wellenbereich von 500 nm, dem
Farbübergang von Blau zu Grün. Das dunkle
Jägergrün fällt also in die maximale
Sehempfindlichkeit, wird allerdings nur als dunkel wahrgenommen - so
wie dem Menschen nachts ein rotes Auto als
dunkel in der Umgebung verschwimmt.
Somit sieht Schalenwild den Grünbereich sehr gut, während
es Gelb, Erdfarben und besonders Rot nur noch als schwache
Schwarz-Weiß-Schattierungen registriert. Unauffällige
Kleidung sollte also in Erdfarben - oder ketzerisch in Knallrot
gefärbt sein.
Im Bereich des Ultraviolett kann Wild noch Licht in Wellenlängen
unter 400 Nanometern wahrnehmen, die beim Mensch durch die Linse im
vorderen Teil des Augapfels blockiert wird. Menschen sind so von
Schädigungen der Netzhaut bei intensiver Sonneneinstrahlung
geschützt. Wild ist nicht so langlebig, diese Schäden
können sich nicht entwickeln, außerdem ist es überwiegend
dämmerungsaktiv. Die vermehrte Lichtaufnahme bedingt allerdings
geringere Scharfabbildung, feine Linien sind verwaschen. Daher
reagiert Wild besonders stark auf Bewegung, es differenziert
hierüber die Wahrnehmungen.
Lediglich bei Ziegenartigen vermutet man durch ihre leicht
unregelmäßig gekrümmte Hornhautoberfläche ein
besseres Farbensehen. Die Krümmung dürfte wie beim
Regenbogen ein ungleichmäßiges Brechen der Lichtstrahlen
bewirken und damit eine stärkere Empfindlichkeit, auch ein bis
zu vierfach vergrößerndes Sehvermögen.
Verschärfend wirkt sich aus, daß Schalenwild eine sehr
viel weitere Pupille hat, die mehr Lichteinfall ermöglicht und
unter der Netzhaut eine reflektierende Schicht, das sogenannte
tapetum lucidum, einfallendes Licht verstärkt. Somit kann Wild
noch im allerletzten Büchsenlicht hervorragend
Feinde wahrnehmen.
Jeder hat es schon einmal im Scheinwerferlicht bemerkt, oft wirkt
diese blau reflektierende Schicht als einzige Warnung vor am
Wegesrand sichernden Schalenwild. Man spricht bei Fahrrad-Reflektoren
auch vom "Katzenauge". Beim Menschen bewirkt Blitzlicht auf
dem Foto lediglich eine punktförmige rote Pupille als Zeichen
eines schwachen Reflexes. Bei neuen Kameras mit Vorblitz
verengt sie sich, man sieht kein "Rotes Auge" auf dem Bild mehr.
Das Tier kann die Pupille dreimal so weit wie der Mensch öffnen,
was neunfachen Lichteinfall bedeutet. Die relative Größe
der Pupille zum Auge wirkt sich auch aus; große Augäpfel
ergeben ein gutes Auflösungsvermögen für Feinheiten.
Dies sind Erkenntnisse, die von der Jagdzeitung "Deer and Deer
Hunting" durch Messung der Hirnströme bei Hirschen
bestätigt wurden. Rote Lichtblitze erzeugten keine Änderung
der Hirnströme, grüne sehr wohl!
Vögel haben offensichtlich ein anderes Farbensehen und
können Rot wahrnehmen, wie Statistiken über den Jagderfolg
bei wilden Truthähnen mit und ohne signalrote Kleidung der
Jäger ergaben.
Erfahrene Jäger in wenig Deckung bietenden Ländern, wie
Schottland, haben schon seit jeher erkannt, daß eine
durchgehende dunkelgrüne Kleidung verräterisch ist und Wild alarmiert.
Schotten tragen fein- oder grobkariertes Tweed in Erdfarben. Dies
lockert die menschliche Silhouette auf und läßt sie im
Idealfall mit der umgebenden Landschaft verschmelzen. Erdfarben
werden vom Wild kaum wahrgenommen. In der Kriegführung werden
Tarnmuster erst seit Mitte des Zweiten Weltkrieges eingesetzt, heute
gibt es keine kriegführende Armee ohne Camouflage.
Für Jäger sind allerdings Tarnmuster, die auf den
spezifischen Hintergrund der bejagten Region oder der jeweiligen
Jahreszeit abgestimmt sind noch wesentlich wirksamer.
Der Siegeszug des zivilen Tarnmusters, das dem Wild und nicht dem
Soldaten den Menschen verbergen soll, begann erst Ende der Siebziger
Jahre in den USA. Pionier ist Jim Crumley, der eine typisch
amerikanische Erfolgstory liefert.
Er war Lehrer an einer Management Schule in Virginia und
verschönerte seine Jagdkleidung mit dunklen Flecken
Baumwollfarbe und Linien aus dem Markierstift, die Baumrinde
nachbilden sollten.
Andere Jäger fanden das famos und wollten auch solche Kleidung.
Besonders die Bogenjäger, die dicht an Wild herankommen
müssen, drängten und der Stein kam ins Rollen. Crumley nahm
eine Hypothek auf sein Häuschen auf, suchte einen
Stoff-Lieferanten, der sein Muster in geringen Mengen drucken konnte
und fand schließlich einen Fabrikanten, der eine Rolle mit
4.500 Meter zu 3
Dollar pro Meter herstellte. Nun beauftragte er eine Lohnschneiderei
mit der Herstellung von 1.000 Jacken und 1.000 Hosen, nannte das
Muster "Trebark" - verballhornt Baumrinde - und annoncierte
im Magazin der Bogenjäger im Juli 1980 erstmals speziell auf
Wild abgestimmte Jagdkleidung in zivilem Tarnmuster. Schon im Herbst
war die gesamte Kollektion verkauft und das unternehmerische
Abenteuer glänzend bestanden. Im folgenden Jahr quittierte
Crumley den Schuldienst und machte sich im Juni 1981 selbständig.
Auf der Shot Show 1982 akquirierte er Aufträge in den gesamten
Vereinigten Staaten und lieferte 1983 einen Großauftrag von
2.400 Stück Tarnkleidung an den
größten Versender. "Trebark" war als
Markenzeichen etabliert. Bis 1985 war Crumley der einzige Hersteller
von Tarnkleidung, dann vergab er Lizenzen und 1989 umfaßte sein
Katalog 400 "Trebark" Artikel, er besaß ein 900
Quadratmeter großes Verkaufsgeschäft und eine lange
Lohnliste. Doch nun
waren ihm auch viele Nachahmer auf den Fersen, aus denen ihm
allerdings nur zwei ernsthafte Konkurrenten erwuchsen. Toxey Haas und
Bill Jordan.
Als die Mega-Verkaufhausketten K-Mart und Wal-Mart an Crumley
herantraten, um Trebark exklusiv zu vermarkten, wählte er K-Mart
- eine unternehmerische Fehlentscheidung - und Bill Jordan Wal-Mart.
Wal-Mart war der bessere Anbieter, was mit den Siegeszug von Bill
Jordan bewirkte.
Bill Jordan war ein lokaler Fußballstar, der nach dem
College-Abschluß in die elterliche Boots-Firma eintrat und 1982
als Nebenerwerb ein kleines Geschäft für jagdliches
Zubehör mit dem Namen Spartan gründete, das Handschuhe,
Hüte und T-Shirts produzierte. Als er 1985 auf der SHOT-Show
Crumleys Muster "Trebark" sah, inspirierte ihn das zum
Muster "Realtree", das er 1986 dort vorstellte.
Ähnliche Muster wurden von weiteren 80 neuen Anbietern auf der
Shot Show vorgestellt, aber Jordan setzte sich durch.
Nun trennten sich die Wege, Crumley kämpfte mit den
Schwierigkeiten der Eigenproduktion, während Jordan den
einfacheren Weg der Lizenzvergabe wählte. Seine Firma Spartan
produziert nach wie vor Tarnkleidung, aber inzwischen hat er mit dem
1995 eingeführten "Advantage" einen Volltreffer
gelandet und beherrscht mit nur 24 Angestellten und über 500 Lizenznehmern
den Markt. "Advantage" ist ein Muster, das mit braun-gelb,
wenig grün, Zweigen und Ahornlaub vor herbstlichem Hintergrund
Konturen bestens auflöst.
Der dritte Erlkönig ist Toxey Haas aus West Point, Mississippi,
der seit 1987 mit einem Tarnmuster namens "Mossy Oak" zu 80
Prozent direkt herstellt und eine Firma mit über 70 Angestellten
aufgebaut hat. "Mossy Oak" war ursprünglich nur ein
dunkles Muster wie bemooste Eichenrinde, inzwischen gibt es aber
Variationen für fast alle Situationen.
In den USA sind Tarnmuster zu dem geworden, was Jagdliches Grün
bei uns ist - ein durchgehender Stil prägt alles
Jagdzubehör. Welchen Sinn hat eine kleine Gürteltasche oder
eine Taschenlampe in Tarnfarbe? Das ist zwar eher hinderlich, wenn
man sie verliert oder im Rucksack sucht, aber sie verkaufen sich wie
heiße Semmeln! Ein Video von Bill Jordan über den Effekt
von Camouflage wurde in der Wal-Mart Kette im ersten Jahr 200.000 mal
verlangt! Inzwischen zeigt sich daß der überwältigende
Siegeszug und Markterfolg des "Advantage" Musters
besonders auf seiner ansprechenden Wirkung auf den Käufer
beruht. Schon treten die ersten mutigen Damen damit auf - ohne im
entferntesten daran zu denken, auf die Jagd zu gehen, jedenfalls
nicht auf vierbeiniges Wild.
Natürlich kann ein Tarnmuster auf dem Markt nicht bestehen, wenn
es nicht auch in der Natur wirkt. Aber es ist wie bei der Wahl von
Speisen an der Selbstbedienungs-Theke: Das Auge ißt mit!
"Mirage", ein Netzwerk von dicken Ästen konnte sich
auf Dauer leider nicht behaupten. "ASAT", ein frappierend
hellgelblicher Untergrund mit grobem, weit auseinander stehendem
braunschwarzem Netz, das in trockenen Gegenden ganz hervorragend
tarnt, hält bei Bergjägern noch wacker mit.
Entscheidend bei der Wahl des Tarnmusters sind immer die
örtlichen Bedingungen, nur dadurch könne die
Nischen-Anbieter noch überleben.
Einige Länder im südlichen Afrika verbieten Tarnkleidung
bei der Jagd. Das bezieht sich aber eher auf militärisches Tarn,
modische Camouflage wird im Feld toleriert. Sambia hat schon seit
Jahren diese Restriktion völlig fallen gelassen.
Auch in Deutschland gibt es immer mehr Jäger, die Camouflage
gezielt einsetzen, wie die zunehmende Zahl der Messestände und
das Interesse und die Kaufentscheidung der Besucher zeigen. Auch im
Inserate-Teil nimmt das Angebot zu.
Zum Schluß noch ein weiteres prägendes Beispiel. Ich war
im letzten Herbst in Colorado auf Maultierhirsch eingeladen und wurde
auf der großen Ranch allein zu einem Felskegel geschickt. Dort
sollte ich mich postieren und aus der Prärie rückwechselndes
Wild abpassen. In Colorado ist es Vorschrift, eine Weste in
Signalrot "Hunter´s Orange" und eine grellrote Kappe zu
tragen. Die hatte ich über meiner Fleecekleidung in braunem
"Mirage"-Tarn an und fühlte mich als wandelndes
Warnzeichen sehr unwohl in meiner Haut. Auf dem flachen Felsen robbte
ich vorsichtig nach vorn und fand als besten Platz eine Spalte, in
die ich mich langsam gleiten ließ. Trotzdem muß ich ein
Geräusch verursacht haben, denn sofort trat ein hochkapitaler
Hirsch 100 Meter unter mir aus dem Sichtschatten einer Ponderosa
Kiefer und äugte alarmiert zu mir hoch. Die Hand erstarrte in
der Bewegung, das Fernglas schwebte in der Luft; ich versteinerte.
Kein Gedanke, das Gewehr zu heben, der Hirsch wäre sofort in
Deckung gewesen. Das Gesicht war mit einer Haube aus tarnbedruckter
Baumwolle und die Hände mit tarnfarbigen Handschuhen verdeckt -
ABER dieses Rot vor braunem Felsengrund!
Es kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor, aber nachdem er mich
fünf Minuten ununterbrochen fixiert hatte, äugte der Hirsch
nach rechts und nach links.
Dann drehte er den Träger und äugte ins Tal, nun konnte ich
mich endlich bewegen.
Dieses Erlebnis hat mich vollends überzeugt, wie wichtig Tarnung ist. |